Niveus 2060

10. Oktober 2006 at 22:04 Hinterlasse einen Kommentar

„Niveus 2060“ von Florian Ermann
Thorsten klatschte in seine Hände und rieb sie dann schnell aneinander. „Ach Mareike,“ sagte Thorsten freudig, „erzähl mir doch bitte die Geschichte von der Schneeflocke. Die, die du mir immer vor Weihnachten erzählst! Ach bitte!“
Thorsten wurde ganz unruhig und zappelig, da Mareike nicht gleich zu erzählen begann. Er liebte Märchen aus längst vergangen Zeiten. Auch wenn er die Geschichte schon auswendig kannte, brannte er doch darauf sie wieder zu hören.
Mareike erzählte: „Vor langer Zeit hatte ein Bauer drei Söhne. Der älteste Sohn war stark und sollte später einmal den Hof erben. Der mittlere Sohn war klug und sollte ins Kloster gehen. Der jüngste Sohn wurde von allen schikaniert und musste mehr und härter arbeiten als seine beiden Brüder zusammen. Und doch konnte er dem Vater nie etwas recht machen.
Eines Tages kam ein Wandersmann durchs Dorf und suchte eine Übernachtungsmöglichkeit für die Nacht. Der jüngste Sohn des Bauers musste seinen Schlafplatz im Stall räumen um dem Wanderer Platz zu machen. So legte sich der Junge also in einen Trog im Stall und versuchte zu schlafen.
Mitten in der Nacht wachte der jüngste Sohn durch ein Geräusch auf. Er lugte über den Trogrand und erstarrte. Der Wanderer saß im Schneidersitz mit dem Rücken zu ihm im Heu und glühte. Nicht er selbst glühte sondern er schien etwas in den Händen zu halten was diesen weißen Schein ausstrahlte und seine Umrisse leuchten lies. Der Junge wollte sich das näher ansehen und schlich sich leise an.
Da ertönte die Stimme des Wanderers: ‚Hab keine Angst! Komm zu mir her ans Licht.‘ Verstohlen näherte sich der Junge und sah was der Mann in seinen Händen hielt. Eine Kugel aus reinstem Glas wie er es klar und durchsichtiger noch nie gesehen hatte. Darin schwebte ein Licht, gleißend weiß wie der Abendstern und hell wie die Sonne. ‚Dies ist der erste Schnee‘ sagte der Mann, der nun plötzlich viel älter wirkte als der Junge ihn vom Abend in Erinnerung hatte. ‚Ich setze jeden Winter den ersten Schnee auf der Welt frei.‘
Der Junge war starr vor erstaunen. ‚Möchtest du den ersten Schnee des Jahres auf die Welt bringen, Junge?‘ fragte der alte Mann den jüngsten Bauernsohn. Der Junge nickte nur ehrfurchtsvoll. ‚Hier, reib mit deinen Händen über die Glaskugel.‘ Der Junge nahm die Glaskugel und rieb über die kalte Oberfläche. Nach wenigen Sekunden wurde das Glas warm und im inneren konnte er nun erkennen was so hell leuchtete. Es war eine einzelne Schneeflocke die im Zentrum der Glaskugel schwebte. Sobald der Junge die Schneeflocke erkannt hatte, wurden ihm gewahr, dass der alte Mann nicht mehr zugegen war.
Der Junge trat vor den Stall um nach dem Mann zu sehen. Der Hof war mit einer handbreit hohen Schneedecke überzogen. Alles war unter weißem Schnee, der im Mondlicht kristallen glänzte, versunken. Vom Stalleingang gingen Fußspuren, wohl die des alten Mannes, weg und verliefen sich im Schnee als ob die Person plötzlich in die Luft gestiegen wäre.
Der Junge nahm sich seinen Umhang, steckte die Glaskugel in seine Tasche und verlies für immer sein Zuhause um alljährlich der Welt den ersten Schnee zu bringen.
Seine Familie hörte nie wieder von ihm. Jedes Jahr, in der Nacht wo der erste Schnee fiel, kam ein fremder Wandersmann zu dem Bauern um eine Stelle zum Schlafen zu erbeten. Doch der Bauer glaubte, dass der Wandersmann damals seinen kleinsten Sohn mitgenommen hätte und gewährte deswegen niemanden mehr in seinem Stall Herberge.“
Thorsten war bei den letzten Worten der Geschichte mit einem traurigen Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen und Mareike deckte ihn zu und löschte das Licht.
Thorsten ist in einem so genannten Lebenstank fixiert. Alle Körperöffnungen sind mit Schläuchen verbunden. Er erhält intravenöse Nahrung und bekommt Luft durch einen Schlauch während er untergetaucht in einer Flüssigkeit, beinahe schwerelos, schwebt. Seine Augen haben nie das Tageslicht gesehen. Sein Schädel liegt offen und ist über ein Interface mit einem Glasfaserdatenkabel verbunden. Thorsten weiß nichts von alle dem.
In der Überwachungszentrale von Kontinent Nr. 3 hat Baltasar Dienst. Er sitzt gelangweilt vor den Kontrollmonitoren und beobachtet die Sensorik des Milliarden-Einwohner-Tanks.
Mareike ist nicht echt. Sie existiert gar nicht. Thorsten ist alleine. Doch er weiß nichts von seiner Lage. Er denkt er sei Thorsten und seine Mutter Mareike habe ihm gerade eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt.
Baltasar ist echt. Baltasar ist alleine. Baltasar ist sich seiner Situation bewusst. Er weiß nicht was die Menschen in den Tanks denken oder fühlen. Er ist nur für den Notfall hier. Falls ein Rotes Licht aufleuchtet muss er es drücken bis es wieder grün wird.
Baltasar denkt: „Ach würde doch noch einmal Schnee fallen.
Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Leider werde ich diese heilende Kraft der Zeit nicht mehr erleben. Zu lange ist die Zeitspanne, die vergehen wird, bis es wieder schneit auf Erden.
Der letzte Schnee, also Wasser in nicht flüssigen oder gasförmigen Zustand, fiel wohl Anfang des Jahres 2048. Weltweit gab es schon seit Jahrzehnten weder schneebedeckte Bergspitzen, noch Gletscher mehr. Doch es schneite noch. Ab und an. Saurer Schnee der nicht liegen blieb und von Verunreinigungen grauschwarz war, aber es schneite doch zumindest. Angeblich.
Das Jahr 2048 liegt nun auch schon über ein Jahrzehnt zurück. Oder hinter dem was davon noch übrig geblieben ist. ‚Die Erde ist auch nicht mehr das was sie mal war.‘ Oder: ‚Früher war alles besser‘ – Bei solchen Floskeln kommen mir nun immer die Tränen. Wie konnte es soweit kommen? Warum haben wir nicht früher etwas gegen die, durch uns Menschheit verursachte, Umweltzerstörung getan? Konnten nicht schon unsere Väter und Mütter erahnen wohin das alles führen würde? Und nun leben alle in Tanks. Leben? Überleben?
Doch langsam, ganz langsam dreht sich mir der Magen um wenn ich an die Zeit in meiner Jugend zurück denke. Wie war das als man ohne Strahlenschutzkleidung auf der Erde laufen konnte? Ohne Sauerstofftanks atmen konnte? In Häusern mit Fenstern wohnte, mit blick auf das Land, den Himmel, die Welt? Man sich von Sachen ernährte die nicht aus Tuben kamen oder mit Wasser angerührte Pulverchen bestanden.
Damals. Damals war alles anders. Ich kannte das nur aus Erzählungen. ‚Alles ist dann weiß und wie von einer Decke verhüllt. Geräusche klingen anders. Es ist still und der Schnee ist eiskalt.‘ Manchmal höre ich das noch, wenn es wieder auf das Ende des Jahres zugeht. Ob die Menschen in den Tanks gerade Weihnachten feiern? Ob es dort schneit?
Eigentlich spielt der Kalender keine Rolle mehr. Jahreszeiten sind eh nicht mehr existent. Doch man will ja wissen wo man steht. Was war, ist, was sein wird. Wo man herkommt, wo man steht und wo man hingeht. Was man tat, tut und tun wird. Den Menschen in den Tanks kann das egal sein. Warum hab ich mich für die Wartung und das bewusste Leben entschieden? Warum wollte ich nicht im Tank glücklich sein? Sind sie glücklich? Scheint es dort?
Es ist Dezember. Und es schneit nicht.
Wenn sie mich jetzt fragen würden, was ich mir zu Weihnachten wünsche, würde ich sagen: ‚Schnee! Bitte schenkt der Welt Schnee.‘
Damit die Wunden die nicht mehr geheilt werden können doch zumindest verhüllt sind.“
Baltasar ist alleine und er weiß es.

aus dem Buch: „Das sind wir“

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