Kuschelchen

16. Dezember 2006 at 8:00 Hinterlasse einen Kommentar

Kuschelchen: Eine Geschichte über die Streichelökonomie

(Ein Märchen von Claude Steiner)

Es war einmal vor langer Zeit, da lebten zwei sehr glückliche Leute, die Tim und Maggi hießen, mit ihren zwei Kindern Hans und Lucie. Um so richtig zu verstehen, wie glücklich sie waren, müsst ihr wissen, wie es damals zuging. Stellt euch vor, in jenen glücklichen Tagen bekam jeder bei seiner Geburt einen kleinen, weichen Kuschelbeutel. Jedes Mal, wenn einer in seinen Beutel griff, konnte er ein warmes Kuschelchen herausziehen. Warme Kuschelchen waren sehr begehrt, denn wenn man einem einen warmen Kuschel gab, so fühlte er sich ganz und gar warm und weich. Leute die nicht regelmäßig warme Kuschelchen bekamen, liefen Gefahr, einen kranken Rücken zu bekommen, was zur Folge hatte, dass sie zusammenschrumpften und starben.

Damals war es ganz einfach, warme Kuschelchen zu bekommen. Wem danach zumute war, der konnte zu dir kommen und einfach sagen: „Ich möchte gern ein warmes Kuschelchen.“ Dann langtest du in deinen Kuschelbeutel und zogst eins heraus, so groß wie eine kleine Kinderhand. Sobald das Kuschelchen das Tageslicht erblickte, lächelte es und blühte auf zu einem großen, puscheligen, warmen Kuschelchen. Du legtest es der betreffenden Person um die Schultern oder auf den Kopf oder über die Knie, es schmiegte sich an und verschmolz geradewegs mit der Haut und ließ den Betreffenden sich rundherum wohlfühlen. Die Leute baten sich immer gegenseitig um warme Kuschelchen, und weil diese immer freigiebig verteilt wurden, war es nie schwierig, genug davon zu bekommen. Es waren stets viele im Umlauf, und folglich war jedermann glücklich und fühlte sich meistens warm und wohl.

Eines Tages ärgerte sich eine alte Hexe, dass alle so glücklich waren und niemand ihre Tränklein und Salben kaufen wollte. Die Hexe war sehr gescheit und erdachte einen schlimmen Plan. Eines herrlichen Morgens schlich sie zu Tim, während Maggi mit ihrer Tochter spielte, und flüsterte ihm ins Ohr:“Sieh dir das an, Tim, all die vielen Kuschelchen, die Maggi an Lucie gibt. Weißt du, wenn sie so weiter macht, werden ihr schließlich die Kuschelchen ausgehen, und es werden keine mehr für dich übrig sein.“ Tim war erstaunt. Er kehrte sich zu der Hexe um und sagte:“Du willst mir doch nicht weismachen, dass nicht jedes Mal wieder ein warmes Kuschelchen im Beutel ist, wenn wir hineinlangen?“

Und die Hexe sagte:“Doch, das meine ich. Und wenn der Vorrat verbraucht ist, dann ist’s aus. Dann hast du keine mehr.“ Damit flog sie auf ihrem Besen davon und lachte und kicherte böse.

Tim nahm sich das zu Herzen und begann, jedes warme Kuschelchen zu zählen, das Maggi verschenkte. Schließlich machte er sich große Sorgen und wurde aufgebracht, denn er liebte Maggis warme Kuschelchen sehr und wollte keinesfalls darauf verzichten. Er hielt es für ganz und gar nicht richtig, dass Maggi alle ihre warmen Kuschelchen für die Kinder und andere Leute verbrauchte. jedes Mal, wenn er sah, dass Maggi ein warmes Kuschelchen weggab, beklagte er sich, und weil Maggi ihn sehr gern hatte, verschenkte sie nicht mehr so oft warme Kuschelchen, sondern sparte sie für Tim.

Die Kinder merkten das und begannen bald zu glauben, dass es falsch sei, jedes Mal warme Kuschelchen zu geben, wenn man darum gebeten wurde oder wenn einem danach zumute war. Auch sie wurden sehr sparsam. Sie beobachteten die Eltern aufmerksam und beklagten sich, wenn sie das Gefühl hatten, dass die Eltern zu viele warme Kuschelchen verschenkten. Sie wurden auch selbst besorgt, wenn sie selber zu viele warme Kuschelchen weggaben. Und obgleich sie immer ein warmes Kuschelchen fanden, wenn sie in ihren Beutel langten, so griffen sie doch immer seltener hinein und wurden immer geiziger damit. Bald machte sich der Mangel an warmen Kuschelchen bemerkbar, und die Leute fühlten sich immer weniger wohl. Sie begannen zu schrumpfen, und hie und da starb jemand aus mangel an warmen Kuschelchen. Immer mehr Leute gingen zur Hexe und kauften deren Tränklein und Salben, obschon die offenbar auch nicht halfen.

Ja, die Lage wurde wirklich sehr ernst. Die böse Hexe, die alles mitverfolgt hatte, wollte natürlich nicht, dass alle Leute starben, und so heckte sie einen neuen Plan aus. Sie gab jedermann einen Beutel, der zwar dem Kuschelchenbeutel sehr ähnlich sah, nur, dass dieser sich kalt anfühlte, während der Kuschelchenbeutel warm war. Im Hexenbeutel befanden sich kalte Gruseln. Diese kalten Gruseln gaben den Menschen nicht das Gefühl von wärme und Wohlsein, sondern bewirkten stattdessen, daß sie sich kalt und gruselig fühlten. Jedoch verhinderten die kalten Gruseln die Rückenkrankheit und das Zusammenschrumpfen der Menschen. Von da an ging es so: Wenn jemand sagte:“Ich möchte gern ein warmes Kuschelchen“ und der andere Angst hatte, sein Vorrat könne vorzeitig zur Neige gehen, dann antwortete er: „Ich kann dir kein warmes Kuschelchen geben, aber willst du vielleicht ein kaltes Gruselchen?“

Manchmal gingen zwei Leute aufeinander zu in der Hoffnung, sie könnten warme Kuschelchen austauschen, aber der eine oder der andere änderte seine Meinung, und es endete damit, daß sie sich gegenseitig kalte Gruseln gaben. Das Endergebnis war, daß zwar sehr wenige Leute starben, daß aber sehr viele unglücklich blieben und sich kalt und gruselig fühlten.

Die Lage war noch verwickelter. Seit dem Auftreten der Hexe kamen immer weniger warme Kuschelchen in Umlauf, und so wurden warme Kuschelchen, die ursprünglich so reichlich und kostenlos wie Luft und Wasser vorhanden gewesen waren, teure Mangelware. Dies brachte die Leute dazu, sich allerhand einfallen zu lassen, um welche zu ergattern. Vor dem Auftreten der Hexe waren die Leute zu viert oder zu fünft zusammengekommen und hatten sich wenig darum geschert, wer wem warme Kuschelchen gab. Nach dem Eingreifen der Hexe fingen die Leute an, sich in Paaren abzusondern und alle ihre warmen Kuschelchen ausschließlich für ihren Partner zu sparen. Falls sich einer von beiden einmal vergaß und jemand anderem ein warmes Kuschelchen schenkte, fühlte er sich augenblicklich schuldig, denn er wusste, daß sein Partner den Verlust eines warmen Kuschelchens beklagen würde.

Leute, die keinen freigiebigen Partner finden konnten, mussten ihre warmen Kuschelchen kaufen und lange arbeiten, um das nötige Geld dafür zu beschaffen. Und da geschah folgendes: einige Leute nahmen kalte Gruseln, die es umsonst und in unbegrenzter Menge gab, verkleideten sie weiß und flauschig und gaben sie als warme Kuschelchen weiter. Diese nachgemachten warmen Kuschelchen waren in Wirklichkeit Plastik-Kuschelchen, die noch mehr Schwierigkeiten machten. Da kamen z.B. zwei Leute zusammen und tauschten großzügig Plastikkuschelchen aus, die ihnen angeblich gute Gefühle geben sollten, statt dessen aber gingen sie mit unguten Gefühlen davon. Da sie der Meinung waren, sie hätten warme Kuscheln ausgetauscht, wurden die Leute ganz verwirrt, merkten aber gar nicht, daß ihr kaltes und grusliges Gefühl eigentlich daher kam, daß sie eine Menge Plastikkuschelchen bekommen hatten.

So war die Lage sehr, sehr übel, und alles hatte damit begonnen, daß die Hexe die Leute glauben gemacht hatte, eines Tages, wenn sie es am wenigsten erwarteten, würden sie kein warmes Kuschelchen mehr in ihrem Beutel finden.

Vor nicht allzu langer Zeit kam eine junge Frau mit breiten Hüften, geboren im Zeichen des Wassermannes, in das unglückliche Land. Sie wusste nichts von der bösen Hexe und machte sich keine Sorgen um den Verbrauch ihrer warmen Kuschelchen. Sie verschenkte sie großzügig, sogar ohne daß sie darum gebeten wurde. Man nannte sie die Hüftenfrau und missbilligte sehr, daß sie den Kindern den Gedanken eingab, man müsse sich keine Sorgen darum machen, daß eines Tages die warmen Kuschelchen ausgingen. Die Kinder liebten sie sehr, weil sie sich in ihrer Gegenwart wohlfühlten, und sie fingen wieder an, warme Kuschelchen zu verschenken, wenn’s ihnen danach zumute war.

Die Erwachsenen gerieten in Sorge und beschlossen ein Gesetz zum Schutze der Kinder vor der Verschwendung ihres Vorrats an warmen Kuschelchen. Dies Gesetz erklärte die leichtsinnige Abgabe von warmen Kuschelchen zum Verbrechen. Den Kindern jedoch schien das gar nichts auszumachen, und dem Gesetz zum Trotz verschenkten sie warme Kuschelchen, wann immer ihnen danach zumute war – und ganz sicher immer dann, wenn sie darum gebeten wurden. Da es viele Kinder gab, fast so viele wie Erwachsene, schien es, als ob sich langsam ihre Einstellung durchsetzen könnte.

Bis heute ist schwer zu sagen, was geschehen wird. Werden die Erwachsenen kraft Gesetz und Verordnung die Unbekümmertheit der Kinder beenden? Werden sich die Erwachsenen der Hüftenfrau und den Kindern anschließen in der neuen Zuversicht, daß es immer so viele warme Kuschelchen gibt, wie man braucht? Werden sie sich an jene Tage erinnern, die ihnen die Kinder nun zurückzubringen versuchen, als warme Kuschelchen überreichlich vorhanden waren, weil jedermann sie freigiebig verschenkte?

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