Unterbrich mich nicht

3. Oktober 2007 at 17:38 Hinterlasse einen Kommentar

Unterbrich mich nicht, Herr – ich bete!

Beter: „Vater unser, im Himmel . . .“

Gott: „Ja, bitte?“

„Unterbrich mich nicht! Ich bete!“

„Aber du hast mich doch angesprochen!“

„Ich dich angesprochen? Äh… nein, eigentlich nicht. Das beten wir eben so:
Vater unser im Himmel!“

„Da, schon wieder! Du rufst mich an, um ein Gespräch zu beginnen, oder?
Also, worum geht’s?“

„Geheiligt werde dein Name . . .“

„Meinst du das ernst?“

„Was soll ich ernst meinen?“

„Ob du meinen Namen wirklich heiligen willst? Was bedeutet denn das?“

„Es bedeutet . . . es bedeutet . . . meine Güte, ich weiß nicht, was es
bedeutet. Wo-her soll ich denn das wissen?“

„Es heißt, dass du mich ehren willst, dass ich dir einzigartig wichtig bin,
dass dir mein Name wertvoll ist.‘

„Aha, hm, das verstehe ich. –

Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden . .
.“

„Tust du das wirklich?“

„Dass dein Wille geschieht? Natürlich! Ich gehe regelmäßig zum Gottesdienst,
ich zahle Kirchensteuer und Missionsopfer.‘

„Ich will mehr: dass dein Leben in Ordnung kommt, dass deine
Angewohn-heiten, mit denen du anderen auf die Nerven gehst, verschwinden;
dass du von anderen her und für andere denken lernst; dass allen Menschen
geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Auch dein
Vermieter und dein Chef. Ich will, dass Kranke geheilt, Hungernde gespeist,
Trauernde getröstet und Gefangene befreit werden. Denn alles, was du diesen
Leuten tust, tust du dann für mich.“

„Warum hältst du das ausgerechnet mir vor? Was meinst du, wie viel
stinkreiche Heuchler in den Kirchen sitzen? Schau die doch an!“

„Entschuldige, ich dachte, du betest wirklich darum, dass mein
Herrschafts-bereich kommt und mein Wille geschieht. Das fängt nämlich ganz
persön-lich bei dem an, der darum bittet. Erst wenn du dasselbe willst wie
ich, kannst du ein Botschafter meines Reiches sein.“

„Das leuchtet mir ein. Kann ich jetzt mal weiter beten? –

Unser tägliches Brot gib uns heute . . .“

„Du hast Übergewicht, Mann! Deine Bitte beinhaltet die Verpflichtung, et-was
dafür zu tun, dass die Millionen Hungernden dieser Welt ihr tägliches Brot
bekommen.“

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern . .
.“

„Und dein Arbeitskollege?“

„Jetzt fang auch noch von dem an! Du weißt doch, dass er mich öffentlich
bla-miert; dass er mir jedes Mal dermaßen arrogant gegenübertritt, dass ich
schon wü-tend bin, bevor er seine herablassenden Bemerkungen äußert. Das
weiß er auch! Er nimmt mich als Mitarbeiter nicht ernst, er tanzt mir auf
dem Kopf herum, dieser Typ hat . . .“

„Ich weiß, ich weiß! Und dein Gebet?“

„Ich meine es nicht so!“

„Du bist wenigstens ehrlich. Macht dir das eigentlich Spaß. Mit soviel
Bit-terkeit und Abneigung im Bauch herumzulaufen?“

„Es macht mich ganz krank.“

„Ich will dich heilen. Vergib ihm doch, und ich vergebe dir. Vielleicht
ver-gebe ich dir auch schon vorher. Dann sind Arroganz und Hass seine Sünde
und nicht deine. Vielleicht verlierst du Geld; ganz sicher verlierst du ein
Stück Image. Aber es wird dir Frieden ins Herz bringen.“

„Hm, ich weiß nicht, ob ich mich dazu überwinden kann.“

„Ich helfe dir dabei!“

„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen . . .“

„Nichts lieber als das. Melde bitte Personen oder Situationen, durch die du
versucht wirst.“

„Wie meinst du das?“

„Du kennst doch deine schwachen Punkte: Unverbindlichkeit, Finanzverhal-ten,
Sexualität, Aggression, Erziehung. Gib der Versuchung keine Chance.“

„Ich glaube, dies ist das schwierigste Vaterunser, das ich je betete. Aber
es hat zum erstenmal etwas mit meinem alltäglichen Leben zu tun.“

„Schön! Wir kommen vorwärts. Bete ruhig zu Ende.“

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.“

„Weißt du, was ich herrlich finde? Wenn Menschen wie du anfangen mich ernst
zu nehmen, echt zu beten, mir nachzufolgen und dann das zu tun, was mein
Wille ist. Wenn sie merken, dass ihr Wirken für das Kommen meines Reiches
sie letztlich selbst glücklich macht.“

von Clyde Lee-Hereng

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